Im TV läuft gerade eine Doku "75 Jahre 2. Weltkrieg". Das erinnert mich daran, dass ich gestern das Buch "Die Bücherdiebin" von Markus Zusak abgeschlossen habe.
Ich hätte mich vielleicht vorher schlau machen sollen, dass es eigentlich ein Jugendbuch ist, zumindest hätten mich dann einige Redewendungen nicht so stutzig gemacht. Oder vielmehr hätten sie auf mich nicht so fehlplatziert gewirkt.
Ein Mädchen namens Liesel verliert ihre Familie und kommt nach Molchingen bei München. Als Pflegekind lebt sie fortan bei Rosa und Hans Hubermann. Und diese Familie vollbringt während des 2. Weltkriegs etwas Großartiges: sie verstecken den Juden Max in ihrem Keller.
Dieses Buch erzählt ihre Geschichte. Die Geschichte von Liesel, der Bücherdiebin, die die Magie und die Macht der Worte erkennt.
Während eines vermeintlichen Bombenangriffs müssen alle Bewohner der Himmelstraße in den Luftschutzraum. Enge, Angstschweiss und Kindergebrüll, Rosa - die Pflegemutter - quetscht Liesels Hand. Und mittendrin fängt die kleine Bücherdiebin an zu lesen:
Rosa ließ sie los, und um sich zu trösten und dem Tumult um sich herum zu entgehen, öffnete Liesel eines ihrer Bücher und fing an zu lesen. Das oberste Buch auf dem Stapel war "Der Pfeifer" und sie las laut, um sich besser konzentrieren zu können. Der erste Absatz lag taub in ihren Ohren.
"Was hast Du gesagt?", brüllte Mama, aber Liesel achtete nicht auf sie. Sie hielt ihren Blick auf die erste Seite gerichtet.
Als sie umblätterte, bemerkte Rudi, was sie tat. Er hörte zu, während sie las, und er tippte seine Geschwister an und sagte, sie sollten ebenfalls zuhören. Hans Hubermann kam näher und rief die anderen, und schon bald sickerte Stille durch den überfüllten Keller. Auf Seite drei schwiegen alle, außer Liesel.
Sie wagte nicht aufzuschauen, aber sie fühlte die verängstigten Augen, die an ihr hingen, während sie die Worte ein und ausatmete. Eine Stimme spielte im Innern ihre Noten. Dies, so sagte die Stimme, ist dein Akkordeon.
Das Rascheln der Seite, die umgeblättert wurde, schnitt sie in Stücke.
Liesel las weiter.
Etwa zwanzig Minuten lang verschenkte sie die Geschichte. Die kleinen Kinder wurden ruhig beim Klang ihrer Stimme, und alle anderen sahen Bilder vom Pfeifer vor sich, der vom Tatort floh. Liesel nicht. Die Bücherdiebin sah nur den Mechanismus der Worte - ihre Körper, die auf dem Papier lagen, niedergeschlagen, damit sie darübergehen konnte.
Das Buch ist voller wundervoller, schmerzender und großartiger Szenen. Sie allesamt spiegeln den Wahnsinn und die Nischen des Krieges wieder. Und das Leben einer großartigen Familie.
Auf der einen Seite waren es gerade diese Szenen, die innige Beziehung zu ihrem Vater mit dem Akkordeon, die Freundschaft zu Rudi, zu Max, die mich mitnahmen und mich teilhaben liessen.
Dann aber kam auf der anderen Seite immer wieder "der Tod" dazwischen.
Das Buch ist nämlich aus der Sicht des Todes geschrieben. Der Tod als Erzähler. Die Idee selbst finde ich durchaus gut, nur fand ich es nahezu nervig, dass er zwischendurch etwas arg kitschige Formulierungen wählte. Und "mich mitnehmen", "mir was erzählen" wollte...., aha. Aber wie gesagt: ich wusste nicht, dass es ursprünglich ein Jugendbuch war. So kann ich das im Nachhinein durchaus akzeptieren und meinen Frieden mit dem Tod als Erzähler schliessen.
Heute Abend habe ich den Trailer zum Film gesehen. Glaube, ich werde ihn mir tatsächlich mal im Ganzen anschauen...
