Ich wette, dass sich ein unbeteiligter, ein von mir nicht bemerkter Beobachter einer „Aktion“ von mir mit meinen Hunden Fragen stellt: „Was macht die da?“, „Was nimmt die Frau für Drogen?“ und letzten Endes wird er vielleicht sagen: „Oh man, die armen Hunde!“.
Manchmal muss ich selber lachen, manchmal denke ich, die Grenze des Wahnsinns ist zum Greifen nahe. Manchmal denke ich, ich habe sie längst überschritten. Wenn ich lachen muss, dann stelle ich mir vor, ich würde dem Beobachter Antworten geben: „Ich leide unter dem Tourette – Syndrom, wissen Sie.“ Oder „Ich bin gerade in der Medikamenteneinstellung, diese Phase ist bald vorbei.“ Oder: „Den Hunden geht es gut, die kennen mich!“.
Aber ich wette weiter, dass mich kein einziger darauf ansprechen würde, was genau ich da eigentlich mache und warum ich es mache. Das traut sich keiner. Und ich hoffe weiterhin, dass mich einfach niemand bemerkt, bei meinen „Aktionen“.
Es gibt so Tage, da liegen meine Nerven blank. Marie möchte links in die Büsche zum Jagen. Ich möchte rechts entspannt weiter gehen. Spunk läuft mittendrin, der ist es wurscht. Die Leine die Marie und mich verbindet, stellt keine Hilfe dar, vielmehr sorgt sie dafür, dass der Interessenskonflikt zwischen meinem Hund und mir sich immer wieder in meiner Schulter bemerkbar macht. Aus Erfahrung weiss ich, dass ein Gegenzerren an der Leine keinen Sinn macht. Das verhärtet die Fronten und Marie macht „dicht“. Also: ich hab Zeit, ich bleibe stehen. Fordere Marie auf, zu mir zu kommen und doch mit mir rechts herum zu laufen. Marie kommt freudig angelaufen, um sich nach zwei gemeinsamen Schritten umzudrehen und wieder links in die Büsche zu zerren. Ich bleibe stehen, ich hab ja Zeit. Wir spielen das Spiel: 20 x, 30 x .... Eine Frau mit einem Kinderwagen nähert sich, beäugt uns. Spunk denkt derweilen, wir hätten sie nicht mehr alle und hockt sich einfach mal abwartend auf den Weg. Kluger Spunk: immerhin sind wir keine 10 Meter weit gekommen, da kann hund es sich schon mal bequem machen. Wir spielen das Spiel stoisch weiter: 5 x, 10 x, ein Durchbruch: wir schaffen es 20 gemeinsame Meter entspannt zu gehen. Die irritierte Frau mit Kinderwagen ist an uns vorbei. Gerade, als sich so richtig Entspannung breit machen wollte, zerrt Marie wieder nach links. Meiner Kehle entfleucht ein Knurren, was sich nach einem „Booooorrrrrhhhhhoooooorrr!“ anhört. Ups, Marie schaltet einen Gang runter. Spunk kennt das Geräusch, ist meistens ein Vorbote für mehr derlei Geräusche.
Manchmal mache ich mir mit diesen Geräuschen „Luft“, bekunde meinen Unmut und weiss selbst, dass meine Nerven nicht mehr lange mitspielen werden. Innerlich nehme ich die Metaebene ein und beobachte dieses Schauspiel von Oben. Wie wir immer und immer wieder das Spiel spielen. Nein, lieber Leser: ich leide nicht unter dissoziativen Störungen.
Manchmal gebe ich viele dieser Laute von mir, manchmal schreie ich einfach mal rum, bzw. ich schrei es raus – in die Natur des Parks. Hilft, bevor ich platze und ich sag ja: im Zweifelsfalle behaupte ich, ich hätte Tourette. Aber es nimmt Druck raus. Ich gucke meinen Hund dabei nicht an, drehe mich oft weg, die Leine hängt locker durch. Alternativ könnte ich den Hund gerade kurz an einen Baum anbinden, 20 Meter weiter gehen und dann den nächsten Baum anschreien. Da ich gerade mächtig krank bin, kommen noch merkwürdigere Laute aus meiner Kehle.
Ich muss wieder lachen – über mich selbst, über die Situation. Die Hunde gehen ihren Geschäften nach.
Dann möchte ich wieder, dass Marie zu mir kommt. Marie möchte aber lieber wieder in die Büsche und Kaninchen holen. Ich stampfe mit den Füssen auf, ich hüpfe auf dem Fleck, manchmal hilft das auch, ein wildes Tänzchen kann die Nerven beruhigen.
Ich hatte mal ein Pferd, ein damals befreundeter Züchter meinte, dass dieses Pferd niemanden anderen als mich akzeptiere. Es war nicht immer ganz einfach mit ihm, viele Menschen hatten Angst vor dem Pony und nicht umsonst hatte ich es auf den Namen „Attacke“ getauft. Wenn der Druck zu groß wurde, habe ich den Strick fallen lassen, bin 20 Meter weiter in die Wiese gelaufen und habe ein wildes Tänzchen aufgeführt. Dann bin ich entspannt zum Pony zurück und wir haben ohne Druck weiter gemacht. Später musste ich das Pony verkaufen, aber da war es nicht mehr unverträglich. Vielmehr hat es einen tollen Platz bekommen, wo es passende Menschen hatte, richtig alt wurde und Spass hatte.
Bei Marie kann ich den Strick nicht fallen lassen, dann habe ich ein noch viel größeres Problem. Aber mit dem Hüpfen habe ich die Aufmerksamkeit meines Hundes wieder. Sie staunt... Ich habe die Nase voll, nehme sie kurz, möchte, dass sie 20 Meter ohne was neben mir läuft – wir stolpern fast übereinander! Ich werfe einen vorsichtigen Blick über meine Schulter und gucke, ob mich nicht jemand oberhalb der Mauer beobachtet.
Und dann muss ich wieder lachen, wenn ich mir vorstelle, wie das alles aussehen mag – ich hab den Eindruck, die Hunde lachen mit. Ich summe still vor mich hin „Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss!“... Gut gelaunt treten wir Drei den Heimweg an und rocken noch mal durch die Straßen. Marie mit hoch erhobener Rute, beide tänzeln um mich rum – wir tänzeln und flachsen gemeinsam.
Es gibt so Tage, da habe ich keine Nerven, keine Geduld. Da macht es keinen Sinn, ernsthaft was trainieren oder üben zu wollen. Zu schnell baut sich Druck auf, zu schnell macht sich Ungeduld breit, Frustration.
Letzte Woche habe ich mich dabei ertappt, wie ich zu Marie sagte: „So langsam erwarte ich aber, dass es sitzt!“ Ich musste selbst laut lachen, bei der Inbrunst der Überzeugung, mit der ich diesen Spruch meinem Hund um die Nase blökte.
Und wenn ich merke, dass wir einen Tag haben, an dem Marie gerade mal wieder andere Prioritäten setzt und mit ihren Gedanken nur bei den Kaninchen, Baummeerschweinchen, Katzen, Mäuschen, Fröschen, Krähen, Amseln, Maulwürfen, Füchsen, Rehen oder mit ihren ganzen Harvey – Freunden beschäftigt ist, ich aber nicht mehr kann, aus der Situation auch nicht raus komme, meine Nerven eben blank liegen, dann mag ich nicht ständig Druck in Richtung Hund ausüben. Das bringt nix. Das ist weder zielführend noch von irgendeinem Erfolg gekrönt. Und bevor ich platzte, „Rhhhööööhhhrrreee“ und hüpfe ich eben durch die Gegend, stampfe mit den Füssen auf den Boden, führe wilde Tänze auf und versuche mich wieder zu beruhigen. Man könnte auch sagen, ich zeige Alternativverhalten.
Da hoffe ich, dass mich niemand sieht, lache drüber und beim nächsten Mal wird´s wieder besser....! Dann üben wir wieder. ;)