Letzten Samstag hatte ich die Gelegenheit und durfte bei einem Trainingstag einer Hunde - Rettungsstaffel zugucken. Das war mal so richtig klasse, alles live und in Farbe zu sehen und genial auch, dass wir dabei auf einem Gelände waren, bei dem normalerweise absolutes Betretverbot herrscht. Ich hab damals mal mit Hermine versucht, auf das Grundstück zu gelangen. Ich bin keine 20 m weit gekommen, da stand schon der Werkschutz hinter mir und forderte mich nachdrücklich auf, das Gelände sofort wieder zu verlassen! ;) Nun gut, da gibt es tiefe Schächte und alte Gebäude, die teilweise einsturzgefährdet oder eben nicht mehr wirklich gesichert sind. Als wir da so ausgestattet mit Taschen- oder auch Helmlampen rein sind, musste ich zwischendurch an das Buch „Creepers“ von David Morrell denken... *hihi*
Es war für mich richtig spannend zu sehen, wie Mensch und Hund arbeiten, die alten Gebäude zu sehen, auf gesprengten und auf dem Boden liegenden Betontürmen zu laufen und zwischen den Moniereisen herumzukraxeln. Und neben meiner eigenen Faszination für derlei Grundstücke, ist es außerdem auch toll zu sehen, wie unterschiedlich die Hunde in der Vorgehensweise sind, wie sehr sich der Mensch auf seinen Hund verlassen, ihm auch vertrauen muss. Einhergehend muss auch der Mensch eine gewisse innere Ruhe haben. Zwar bin ich niemand, der sich in Bezug auf Hunde schnell aus der Ruhe bringen lässt, aber mehr als einmal habe ich an diesem Tag gesagt: mein großer Hund hätte sich schon 10 x umgebracht und in den Tod gestürzt. Und mein kleiner Hund hätte nur dagestanden und wäre nicht mitgegangen – zu dunkel, zu dreckig und sie wäre mit ihrer Pocke bestimmt stecken geblieben! ;) Außerdem hat Marie nur einige Tage später bewiesen, warum wir schon mal gar nicht für solch ein Training und entsprechende Einsätzen geeignet sind und genau den Punkt bestätigt, den die Ausbilderin prophezeit hat...., doch dazu gleich mehr.
Wie dem auch sei: es war ein spannender Tag und ich selbst bekam nicht nur viele neue Eindrücke, sondern war selbst hochmotiviert, mit meinem Fledermausohr-Spinnenbein-Hund weiter zu trainieren. Noch am Abend raffte ich meine Dummies zusammen, legte sie verheißungsvoll auf den Tisch und besorgte sogar noch zwei kleine Preydummies. Jo....
Dienstag zogen wir los, die beiden Nasen und ich. Festlich geschmückt, quasi im vollen Ornat sah ich aus, wie eine Hundetrainerin, die Bestseller wie „Mit 10 Metern – Schleppleine zum Erfolg“ schreiben wollen würde *schallend lach*. Lasst es Euch gesagt sein: das Buch war nicht von mir (es vertritt noch nicht einmal meine Meinung), war auch kein Bestseller und eine Schleppleine hatte ich auch nicht bei. Dafür aber eine durchaus wichtig aussehende Gürteltasche, an der ich die Dummies baumeln hatte. Und hey: ich hatte extra „Frolic Unterwegs“ in die Preydummies gefüllt – da konnte doch jetzt gar nichts mehr passieren?!
Hm...., ich weiss schon, warum mir das alles ein wenig „drüber“ und wie „das bin nicht ich“ vorkam.... Mich beschlich da so ein Gefühl, aber nü...., noch fühlten wir drei uns total wichtig und wir wollten jetzt mal „Butter bei die Fische machen“. Am ersten Feld lief auch alles noch wie „geschmiert“ und einem Lehrbuch entnommen: Marie apportierte fast wie an der Schnur gezogen. Dann kam die erste Irritation und ihr Blick sprach mehr als tausend Lehrbücher: „...warum soll ich diese dusseligen „Frolics Unterwegs“ fressen, wenn da am Horizont ein dickes Pferd eine gute Mahlzeit verspricht?!“ Ich glaube insgeheim, dass sie sich da schon einen Plan zurecht gelegt hatte...., sie wartete nur ab, bis ich mich wieder in Sicherheit glaubte. Wir passierten die Felder und Wiesen und selbst die Tierruhezone ohne Leine, gingen in den Wald und ich hatte eine Marie bei mir, die mich stolz machte: selbst im Wald drehte sie sich alle paar Meter um und schaute nach mir. Auch Spunk lief gut gelaunt mit...
Auf ungefähr der Hälfte der Strecke passierte es dann: mit einem formvollendeten Sprung im 90° Winkel war Marie vom Weg verschwunden und ins Unterholz. Der schwarze Hund kreuzte hinter mir noch einmal den Weg und als ich mich umdrehte war sie weg. Mit einem wunderbaren Jagdgeläut entfernte sich mein Hund immer weiter von mir. Und nicht nur der: auch Spunk hatte sich inspirieren lassen und war doch tatsächlich mitgerannt! Das wurde mir allerdings erst klar, als es still um mich herum wurde und ich etwas vereinsamt alleine auf dem Weg zurück gelassen wurde – tolle Knolle! Kein Bild, kein Ton...., grosse weite Welt!
Jo..., da steht sie dann da mit wirrem Haar. Dass selbst der Zwergenhund weg war, erstaunte mich wirklich. Da kann ich tatsächlich behaupten: „Das hat sie ja noch nie gemacht!“ *lach* Aber irgendwann ist immer das erste Mal und ich fragte mich, wie weit Spunk es wohl schaffen würde mit ihren kurzen Beinen und ihrer kleinen Pocke. Ich pfiff und rief einmal den Spunk, doch: nix! Irgendwann kam die kleine Fressraupe dann pockeschwingend durchs Laub gehüpft. Dreckig, voller Kletten, aber offensichtlich stolz auf sich, weil sie doch eine für sich lange Strecke zurück gelegt hatte. Mit einem fetten Grinsen im Gesicht.
Schön, ein Hund war also wieder da. Ehrlich gesagt habe ich mir um Spunk keine Gedanken gemacht. Ich wusste, dass sie wiederkommen würde, kannte ihr Jagdverhalten, und dass sie ein Reh greifen würde, war ungefähr so wahrscheinlich, wie ich es schaffen würde, einen Smoking zu häkeln...
Anders bei Marie..., ich wusste nicht, wie weit sie gehen würde. Ob sie hetzt bis zum Umfallen oder ob sie ortstreu jagt. Ebenso wenig wusste ich, wie viel „Kopf“ der Hund dabei beweist. Würde sie ihre ganzen Hirnzellen wegrennen oder so clever sein, irgendwann inne zu halten und so zurück laufen, wie sie hingerannt ist? Ich brauche wohl nicht extra zu erwähnen, dass die Bärenglocke wohlbehalten zu Hause auf der Aquariumskommode lag?! War ja klar! Zu faul und arrogant genug hatte ich sie liegen gelassen... Aber meine Pfeife hatte ich dabei und so pfiff ich das Kommando des Zurückkommens. Toll! Es passierte: nix. Natürlich nicht!
Mit Spunk an meiner Seite und dem Gedanken daran, dass ich froh war, dass Marie ihre Tasso-Marke trug, hockte ich mich erst mal auf den Weg. Ich nahm mein Handy aus meiner wichtig erscheinenden Gürteltasche, stellte es auf „richtig laut“, damit ich es auch klingeln hören konnte, wenn Tasso anrufen sollte und ... drehte mir erst mal eine Zigarette. Nachdem ich diese aufgeraucht hatte, war von Marie noch immer nichts zu hören und nichts zu sehen. Ich pfiff noch einmal. Mir taten die Trommelfelle weh...., aber: Marie antwortete mit einem leicht hysterischem Spurlaut weiter hinten im Wald!
YES! Und dann tat ich das, was ich eigentlich nicht tat: ich nahm meine Beine in die Hand und rannte in genau die Richtung, aus der ich Maries Gekläffe gehört hatte. Dumme Idee. Saudumme Idee! Aber mal ehrlich: die eigene Emotionalität mit dem eigenen Hund lässt schon mal die rationalen Gedanken ins Leere laufen... So hechteten Spunk und ich also auch durchs Gehölz. Völligst bekloppt und mit dem Resultat, dass ich von Marie wieder nichts hörte und nichts sah, dafür aber ein weiteres Problem hatte: ich hatte keine Ahnung mehr, wo ich eigentlich war! Super, ganz grosses Kino! Da stand ich mitten im Holz, mein großer Hund war noch immer weg und ich hatte mich zu allem Überfluss auch noch kurzfristig verirrt. Ich war wütend auf mich selbst, auf meine eigene Dummheit und darüber, dass ich zwar immer noch nicht wusste, wie Marie genau jagt, dafür aber wunderbar die Spuren verwischte, sollte sie so clever sein und zu mir zurück kommen wollen und mich anhand des Geruchs ausfindig zu machen. Irgendwie war die Situation so abgefahren und verdreht, dass ich selbst schon lachen musste. Mit einem „Das bringt doch alles nichts!“, drehte ich mich um die eigene Achse und scannte den Wald. Nix.
Und jetzt kommt die Stelle, an der ich wieder eine Lobeshymne auf meinen kleinen Hund singen mag, denn sie war es, die uns wieder auf den Weg zurück führte. Ich will nicht sagen, ich hätte Spunk angefleht, aber ich war ihr so dankbar, als wir wieder an der Stelle standen, an der ich zuvor meine Zigarette geraucht hatte und an der Marie abhanden gekommen war...!
So schlenderte ich fünf Meter den Weg rauf und wieder runter.... Zwischendurch hörte Spunk Geräusche, die ich nicht wahrnehmen konnte. Sie guckte zwar immer wieder in die Richtung, aus der die letzten Laute von Marie zu hören waren, aber ich behielt Spunk bei mir.
Hm.... Ich entschied mich dafür, ein Ortungssystem zu sein und pfiff zwischendurch immer mal wieder. Sollte Marie sich als „planlos“ erweisen und trotzdem zurück kommen wollen, so wollte ich ihr zumindest eine Orientierung bieten. Alles andere als lehrbuchmäßig, aber: es klappte! Ich hab zwar keine Ahnung, ob Marie jetzt aufgrund der Pfeife zurück kam oder ob sie eh und auch ohne Pfiff zurück gekommen wäre, aber das betrachte ich jetzt mal als aktuell schnurz-egal. Fakt ist: sie kam zurück.
Sie geht weit..., sehr weit, das wusste ich nun. Aber sie kam wild hechelnd zurück und sprang zu mir. Sie stellte sich neben mich und ungelogen: sie rülpste erstmal laut! Mein Kommentar: „War Dein Ausflug schön?“. Während ich mich im Geiste bei allen im Wald lebenden Tieren entschuldigte, streifte ich ihre Leftzen, den Kopf und die Beine ab – kein Blut! Ich sag es mal vorsichtig so: ich glaube nicht, dass sie was gerissen hat. Wahrscheinlich hatte sie schon eine leichte „Schnappatmung“ vor lauter Hetzen und dabei viel Luft abgeschluckt, denn es gab kein weiteres Indiz dafür, dass sie erfolgreich (im Sinne von Töten) war. Eichhörnchen alias Baummeerschweinchen hätte sie unter dem Baum verbellt, Kanickel hab ich dort noch nie gesehen, Wildschweine gab es auch nicht. Blieben also Rehe. Nicht schön, dass sie offensichtlich diese gehetzt hat, aber nach ihrem Rülpser war der Bauch auch wieder flach... ;)
Marie hatte noch nicht genug und wollte gerade wieder ansetzen, aber dieses Mal ließ sie sich aufhalten und ich klickte den Karabiner. Somit hatte ich sie wieder sicher an der Leine. Ich fand, dass lockere 30 Minuten Jagdausflug ausreichen sollten!
Da Marie eh noch im Dopaminrausch war und ich keine Lust hatte, den Spaziergang an dieser Stelle abzubrechen, haben wir einfach eine „Seeparty“ hinterher geschoben. ;) Hatte ich vorher einen Hund, der schon um jede Pfütze einen Bogen machte, hatte ihr Jagdausflug nun dazu geführt, dass sie jedes kleine Nass gierig trinken wollte. Am See angekommen, ist sie schlabbernderweise, also während des Saufens in den See gestiegen. Und dann fing sie doch tatsächlich an zu schwimmen! Nahezu lautlos und völligst elegant glitt sie durchs Wasser. Ich war so baff, dass ich guckte, als hätte mich ein Bus gestreift! Hatte ich sie zuvor als wasserscheu bezeichnet und bin ich vorher davon ausgegangen, dass dieser Hund nicht schwimmen würde, so wurde ich nun eines besseren belehrt und konnte sehen, dass sie das nicht zum ersten Mal tat. Unglaublich! Jetzt hatte ich ein fettes Grinsen im Gesicht...
Nach der „Poolparty“ waren die Hunde erfrischt und als wir unseren Weg fortsetzen, guckte Marie einmal nach links und spitzte die Ohren. Dieses Mal sah ich die Rehe auch.... Zwei waren es. Bestimmt streckten sie die Zunge noch raus, ehe sie sich fort machten *hihi*, denn dann passierte es zum zweiten Mal: der kleine dicke Hund ist wieder hinterher! Halloooooo?! Geht´s noch?! 5 Jahre nenne ich diesen Hund mein Eigen, bis zu diesem Tag hatte ich behauptet, sie sei wildrein und plötzlich kriegt die so´n Kick ins Hirn und rennt den Rehen hinterher?! Pfff..... Mit der Eleganz eines edlen grauen Tieres mit Rüssel hüpfte sie durch´s Laub. Ist halt was anderes, als auf ebener Flüche hinter Kanickeln hergehen zu dürfen, gell?! *jetzt mal ganz fies grinse*
Musste ich an dieser Stelle noch schmunzeln als ich sie zurück rief, so konnte ich anschliessend einmal beherzt ins Geschirr des großen Hundes greifen. Die stand derweilen nämlich auf den Hinterbeinen, zog mich fast aus meinen Schuhen und kreischte, was die Stimmbänder hergaben. Nun war wirklich auch der letzte Depp im Wald informiert, dass hier irgendwas vor sich ging. Und während der eine Hund kreischte, der andere zu mir zurückhoppelte und ich vollen körperlichen Einsatz zeigte beim Festhalten, musste ich sooooo lachen!
Die Chaosweiber: drei Gestalten, die nass, schlammig, kreischend und lachend im Wald waren und gerade mal - von Außen betrachtet - nichts mehr unter Kontrolle hatten. Das ist so cool!
An diesem Abend hab ich auf meinen Crosstrainer verzichtet und auch die Hunde waren erst mal ruhig. Während Spunk unter dem Stuhl poofte und keine Fragen mehr hatte, hatte sich Marie an mich angekuschelt und genoss den Körperkontakt und die Nähe. Zwar hab ich mich nicht aktiv am Hetzen beteiligt, aber ich hab mich anscheinend als zuverlässigen Partner bewährt, der auf sie wartet und in Empfang nimmt – egal, ob sie was mit nach Hause bringt oder nicht. ;)
Und um den Bogen wieder zur Rettungshundearbeit zu kriegen: wir haben noch viel zu trainieren, aber in die Rettungsstaffel werden wir es sicherlich nicht schaffen, vorausgesetzt wir würden es wollen. Ich selbst bin gerne wieder als Helfer, Beobachter oder auch Opfer dabei. Mich dafür ausbilden zu lassen oder verpflichten könnte ich allerdings nicht. Ich kann nicht damit leben, immer auf Abruf zu sein und bei Marie wären wir niemals 100 % sicher, ob sie jetzt zurück kommt, weil da wirklich kein Opfer ist oder vielmehr, weil sie kein Wild gefunden und dabei das Opfer gerade mal „vergessen“ hat... ;)