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[Buch] Lügen über meinen Vater

Veröffentlicht von TiRo auf 7. Juni 2015, 10:04am

Kategorien: #Bücher

[Buch] Lügen über meinen Vater

Groß. Beeindruckend. Gewaltig.

John Burnside hat es wieder geschafft mich zu packen und wegzuschleppen. Diesmal auf einer ganz anderen Ebene...

Seine Romanbiografie Lügen über meinen Vater ist schwer zu beschreiben. Ich habe das Buch schon eine Weile durchgelesen und suche immernoch nach den richtigen, treffenden Worten. Es ist auf einer manchmal sehr harten, manchmal auf einer sehr subtilen Ebene stark, berührend, verstörend. Und doch auch Frieden schließend, so dass ich es nach dem Auslesen ohne Groll zur Seite legte. Aber es hat etwas (in und mit mir) angerichtet, denn es liegt weiterhin auf dem Tisch und ich schleiche drumherum, mir die Worte herausringend.

Eingangs schreibt der Autor:

Dieses Buch liest man am besten als ein Werk der Fiktion. Wäre mein Vater hier, um mit mir darüber zu reden, gäbe er mir bestimmt recht, wenn ich sagte, es sei ebenso wahr zu behaupten, dass ich nie einen Vater, wie dass er nie einen Sohn hatte.

Burnside beschreibt die Beziehung oder auch Nicht-Beziehung zu seinem Vater. Dieser ist ein Säufer, Grossmaul und seinen Kindern gegenüber ein alltäglicher Sadist. Er war ein Findelkind, wurde als Säugling einfach auf einer Türschwelle abgelegt. Zeitlebens erfand der Vater (Lügen-) Geschichten über seine Herkunft. Er will Anerkennung und als ein bedeutungsvoller Mensch wahrgenommen werden. Bei seinen Säuferkollegen in den diversen Pubs hat er es geschafft. In dem Haus der Familie zeigt er sich weiterhin als Tyrann, der mit seiner Verachtung alles zerstört.

Als Sohn versucht John seinen eigenen Weg zu finden. Er experimentiert mit Drogen, verliert sich in und mit ihnen, bis zum Exzess. Er landet gleich zwei Mal in der Psychiatrie.

Schließlich, fast unmerklich und ohne großes Getöse, kam mir der Gedanke, dass ich endlich unsichtbar geworden war.

Burnside, S. 337

Bis John es letztlich leid ist - sich selbst leid ist - sich aus der Psychiatrie entlässt und weiterzieht.

Selbst nach dem Tod seines Vaters kann er sich nicht wirklich von ihm befreien. Erkannte John ihn schon in seinen eigenen Exzessen wieder, wandert er auch darüber hinaus weiterhin in seinen Gedanken umher. Doch nicht zuletzt eröffnet ihm die Welt der Literatur eine neue Perspektive.

John Burnside hat hier ein abgrundtief ehrliches Erinnerungsbuch vorgelegt. Er versteht sein Handwerk und jeder Satz kommt mit einer authentischen Wucht daher, wie ihn nur einer schreiben kann, der viel durchgemacht, reflektiert und erkannt hat.

Jahrelang hat der Autor seinen Hass auf den Vater unter der Oberfläche versteckt, bis er sich mit diesem gewaltigen Werk "aufgeräumt" zu haben scheint.

Dabei schreibt Burnside sehr unaufgeregt. Umso heftiger schlagen jedoch einige Sätze auf den Leser ein. Die ständigen Machtdemonstrationen und das Gefühl des Ausgeliefertseins sind deutlich spürbar. Er beschreibt seinen eigenen exzessiven Weg in den Abgrund mit kristallklaren und nachvollziehbaren Worten. Nicht sentimental, sondern geistreich. Einmal ins "Fegefeuerstadium" und zurück.

John Burnside wurde 1955 in Schottland geboren. Für seine Bücher erhielt er ebenso viel Lob wie Kritik. Die hier zulande bekanntesten Romane Burnsides dürften "Glister" und "In hellen Sommernächten" sein. Schon sein Debütroman "Haus der Stummen" begeisterte und beeindruckte mich. Genauso wie dieses Werk.

Die Originalausgabe erschien bereits 2006 unter dem Titel "A Lie About my Father". 2011 erhielt er hierfür den Internationalen Literaturpreis Corine.

Lügen über meinen Vater von John Burnside (übersetzt von Bernhard Robben), als Taschenbuchausgabe im Dezember 2012 beim btb Verlag erschienen, 382 Seiten, ISBN: 978-3-442-74480-0


In eigener Sache: Auf Seite 184 schreibt Burnside über die Bilderreihe Scenes from the Passion des Künstlers Georg Shaw, welche ihn an Corby (einer Stadt in England) erinnerte. Shaw malte in Humbrol-Emaille auf Pappe.

Besonders zwei Werke benennt Burnside: The Middle of the Week, 2002 und The New Star.

Ich habe es mir nicht nehmen lassen, hier mal genauer nachzuschauen und bin von einigen Bildern schwer begeistert und total angetan!

Wer Lust hat, kann mal Georg Shaw, Scenes from The Passion: The Middle of The Week (2002) bei Google eingeben und auf die Bilder klicken.

Ich hänge mich jetzt mal aus dem Fenster und zeige Euch eines, was ich unglaublich genial finde und welches Burnside benannte:

[Buch] Lügen über meinen Vater

Georg Shaw. Scenes from the Passion: The Middle of the Week, 2001: Humbrol enamel on board. 77 x 101 cm [*1]

Ist das nicht einfach nur genial?! Ich kann mich nicht sattsehen...!

Weiterführende Links: scenesfromthepassion, Wilkinson Gallery

[*1] Das Bild fand ich unter anderem auf der Seite: scenesfromthepassion - Georg Shaw's Tile Hill | An Unofficial Guide. Sollte das Einstellen des Bildes ein Problem darstellen, so bitte ich um eine kurze Nachricht und ich werde es umgehend wieder rausnehmen.

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