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Es ist wie es ist ... und alles bleibt anders.


leben und schreiben

Veröffentlicht von TiRo auf 29. März 2016, 09:21am

Kategorien: #Einfach so..., #Bücher

Schreiben heißt, das Existierende aus den Schatten dessen zu ziehen, was wir wissen. Darum geht es beim Schreiben. Nicht, was dort geschieht, nicht, welche Dinge sich dort ereignen, sondern es geht um das Dort an sich. Dort ist der Ort und das Ziel des Schreibens. Aber wie kommt man dorthin?

Knausgård, "Sterben", btb, 2013, S. 251

"Du solltest nur noch schreiben...., das ist Deine Berufung. Schreiben und was mit Hunden machen.", gerade gestern habe ich es wieder gehört. Ja, das sollte ich tun. Aber wie?

Beides will mir gerade nicht so richtig gelingen. Mein Schreiben hängt seit Tagen oder gar schon wieder Wochen in der Luft, meine Hunde führen mich vor wo es nur geht, so dass ich mir oftmals vorkomme wie ein Vollpfosten und anstatt etwas daran zu ändern, atme ich tief durch und versuche, mir wenigstens ein kleines bisschen meiner Haltung zu bewahren (nicht, ohne mir gleichzeitig eine einsame Blockhütte zu wünschen).

Vor 14 Tagen bin ich aus dem Krankenhaus entlassen worden. Schilddrüsen - OP, alles direkt ausgebaut. Weil´s besser war, weil´s notwendig war. Am gleichen Abend habe ich drei Ärzte und eine Schwester beschäftigt, mein Körper spielte verrückt und befand sich in einem absoluten Ausnahmezustand. Ärzte und Schwester waren zunächst ratlos, bekamen mich aber Dank diverser Tropfs, Spritzen, Sauerstoff & Co wieder stabil. Morgens drauf war ich wieder voll da, fast so, als wäre nichts gewesen, freute mich am Leben zu sein und neben der Freude überkam mich der Wunsch nach Kaffee. Ab jetzt sollte es nur noch steil nach oben gehen! Nichts konnte mich mehr aus der Ruhe bringen - das Leben war schön! Das Selbst, das direkte Sein. Was will mensch mehr? Was braucht mensch mehr? Dieses Gefühl wollte ich mir bewahren und erhalten, als ich aus dem Krankenhaus raus kam. Es war fast wie in einer dieser Schilderungen, wenn dann der Satz kommt: "Das hat alles verändert, da bin ich wach geworden und wusste, so würde es nicht mehr weitergehen und ich würde etwas ändern in meinem Leben.". Ganz so dramatisch war es bei mir nun nicht, zumal ich jetzt nicht einen Flugzeugabsturz überlebt hatte oder dergleichen. Aber ehrlich gesagt, war mir das alles Drama genug und mehr davon brauche ich jetzt auch nicht.

Ich wollte mir mehrere Bücher zum Lesen mitnehmen, wenn ich schon dort sein musste. "Der klare Blick" von Stephan Harbort hatte es nicht geschafft, das Buch hatte ich - entgegen meines Plans - schon durchgelesen. "Sterben" von Karl Ove Knausgård war allerdings dabei, genauso wie "Das verlorene Dorf" von Stephanie Kasper. Ich fand meine Idee, ein Buch über das Profiling und eines mit dem Titel "Sterben" mitzunehmen nicht etwa pietätlos, sondern zum einen suchte ich neuen Stoff zum Schreiben (die Reaktionen der Mitmenschen sind immer gut) und zum anderen hatte ich ja eh geplant, mich samt Buch schnell aus dem Bett zu verdrücken und mich irgendwo mit Kaffee und Buch ausgerüstet ins Eck zu setzen.

leben und schreiben

Fakt ist: ich habe weder das Buch dort gelesen, noch hatte ich die Nerven, mich jetzt großartig um die Blicke meiner Mitmenschen zu kümmern. Zumindest nicht so, wie ich dachte, eher so, dass wir uns gegenseitig den Notknopf drückten, wenn der jeweils andere nicht mehr in der Lage dazu war.

"Sterben" fing ich dann zuhause an zu lesen. Es ist der erste Band eines Mammutprojekts des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgard. Es ist ein autobiographisches Werk. Ja, Werk, denn es umfasst derweilen mehrere 100 Seiten starke Bände und es ist dicht, wirklich dicht. Anfangs kam bei mir immer nur die gleiche Frage ins Hirn: "Warum?" Ich fragte mich, warum ich das Buch eigentlich jetzt lese, warum ich mich mit der Autobiographie eines anderen Menschen beschäftige, während ich selbst gerade versuchte, wieder einmal meinem Leben einen neuen "Schliff" zu geben und mir dieses Gefühl zu bewahren, alles sei gar nicht so wichtig, wie das Leben selbst um seines selbst Willen.

Wusstet Ihr eigentlich, warum wir uns Fragen nach dem Warum stellen? Und dass es eigentlich zwei unterschiedliche "Warum's" gibt? Sinn des Seins: Warum wir immer nach dem "Warum" fragen. Archi-Zweck und Neo-Zweck also - aha.

Dieses "Warum?" zog allerdings immer weitere Kreise und ich stellte mir die Frage, warum ich eigentlich was schreiben sollte. Es gibt so unglaublich viel Geschriebenes, jeden Tag werden neue Bücher auf den Markt geschmissen, einige werden umworben und gehyped, um dann ein paar Tage später den Neuerscheinungen im Regal Platz machen zu müssen. Dieses Schnelllebige, was auch in der Buchbranche kein Halt kennt, ist manchmal durchaus anstrengend. Gleichzeitig frage ich mich, wie andere Schriftsteller das machen. Quälen sie sich auch ohne Ende, um einen Plot hinzubekommen oder fliesst es wirklich so aus ihnen heraus, wie es oft den Anschein hat? Vielleicht haben sie einfach ihre Nische gefunden, dass die Worte so scheinbar mühelos vom Gehirn aus über die Hand auf das Blatt Papier gelangen?

Neben dem, dass ich null wusste, was ich hätte schreiben sollen und wollen. Bei meinem angefangenen Projekt war ich irgendwie raus, kam auch nicht so recht wieder rein. Ich schrieb einer Freundin, sie solle mir mal mitteilen, was sie jetzt gerade am liebsten lesen würde. Ich frage auch immer mal wieder, ob sie mir einen einzelnen Satz schicken kann. Nur einen Satz, den nehme ich dann als "Aufhänger", um wieder rein zu kommen oder was neues zu machen. Eine Freundin, die sehr wenig liest zu fragen, was sie jetzt am liebsten lesen würde, ist eine lustige Sache und schnell kamen wir in einen Nachrichten-Dialog mit eigener Komik. Aber schreiben um des Scheiben Willens klappte an dem Tag nicht... Wo war es also hin, mein "alles egal, ich bin am Leben und freue mich darüber"?

leben und schreiben

Ungefähr zeitgleich trudelte ein Umschlag bei mir ein, er enthielt diese Schokolade. Nicht nur, dass ich mich unheimlich über die Genesungswünsche gefreut habe, so kann ich nur schreiben: "Jupp, so isses!"

Wer braucht schon einen weiteren Sinn des Seins, wenn er Schokolade haben kann...? Na ja, ganz so einfach ist es nicht. Aber trotzdem: das entkräftet schon ein wenig die Frage nach dem "Warum?", vielmehr versuche ich es jetzt mit einem "Darum!" "Warum sollte ich das tun?" - "Ach, ist doch egal - darum!"

Derweilen schreitet die Genesung von meiner Schilddrüsen-OP weiter voran. Das Tape, welches sich auf der Naht am Hals befand, sollte sich eigentlich von alleine lösen. Tat es nicht. Da hätte ich 24 Std. am Tag unter der Dusche verbringen können, es klebte hartnäckig auf meiner Haut. Mit warmen Öl bekamen wir es schliesslich gelöst. Der Faden der oberen Naht sollte links und rechts auf Länge der Hautoberfläche gekürzt werden, der Rest würde sich von alleine auflösen. Tat er aber nicht. Stattdessen drohte eine beginnende Entzündung. Mit Fingerspitzengefühl zogen wir den Faden - schon viel besser! 

Und so wie die Genesung weiter voran schreitet, habe ich auch weiter im Buch "Sterben" gelesen. Ich habe nicht mehr nach dem "Warum?" gefragt, sondern mich ein stückweit mit- und reinziehen lassen. Meine Begeisterung wächst und dieses Buch ist voller toller Sätze und Aussagen!

Dort zu sitzen, einen Roman zu schreiben und zu sehen, wie die Umgebung langsam und unmerklich das Geschriebene formte, denn unser Denken ist natürlich ebenso eng verbunden mit der konkreten Umgebung von der wir ein Teil sind, wie mit den Menschen, mit denen wir sprechen, und den Büchern, die wir lesen.

S. 310 / 311

Mein Reden: wenn ich nicht nur davon schreiben soll, wie ich meinen Nachbarn mit Panzerband auf eine Sackkarre schnalle und diese Leiche nahezu fröhlich in einem Abbruchhaus samt Bierkiste unterbringe, dann muss ich woanders hin zum Schreiben.

leben und schreiben

Obwohl...., ich bin mir nicht sicher, ob mich eine einsame Blockhütte dazu bringen könnte, einen Liebesroman zu schreiben? Nee..., eher nicht. Trotzdem ist der Gedanke, sich mal eine ganze Weile zum Schreiben an einen anderen Ort zu begeben, mehr als verlockend. Und wenn es schon nicht eine solch tolle einsame Hütte sein kann, dann wäre Cuxhaven nicht schlecht. Da wären wir jetzt ja auch gewesen, wäre mein KH-Aufenthalt nicht dazwischen gekommen.

Bleiben noch die Hunde, die müssten natürlich mit. Wenngleich sie es mit ausmachen, dass ich derzeit so wenig zum Schreiben komme. Sie halten uns ordentlich auf Trab. Wer hätte das gedacht? Lotto stolpert, humpelt und prügelt sich voran, Marie lässt sich teilweise verprügeln und fragt sich, wer eigentlich auf die Idee gekommen ist, unbedingt eine Lotte haben zu wollen? Im Falle eines längeren Aufenthaltes in einer einsamen Berghütte, würde ich Lotte einfach die Tür aufmachen und darauf vertrauen, dass sie wiederkommt. Wo sollte sie auch hin? Für Marie würde ich einen sicher umzäunten Garten bevorzugen oder sie müsste an eine Langlaufleine, ganz gewiss aber würde bei ihr ein "Wo soll sie auch hin?" nicht ausreichen. Aber mehr dazu ein anderes Mal. ;)

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