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[Buch] Tabu von Ferdinand von Schirach

Veröffentlicht von TiRo auf 25. Juni 2015, 15:02pm

Kategorien: #Bücher

[Buch] Tabu von Ferdinand von Schirach

"Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" fragte schon Paul Watzlawick. Nach Watzlawick ist Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation. Von Senden und Empfangen. Und den entsprechenden "Entschlüsselung-Codes".

In der Lernpsychologie besagt die Kernthese des Konstruktivismus, dass Lernende im Lernprozess eine individuelle Repräsentation der Welt schaffen.

Unschwer zu erkennen: es gibt nicht diese eine Wirklichkeit, kann sie gar nicht geben. Vielmehr gibt es zahllose Wirklichkeitsauffassungen, Annäherungen.

Und wenn alle das gleiche glauben, ist es doch noch lange nicht die Wahrheit ... oder?

Was ist dann wirklich wahr?

Wirklichkeit und Wahrheit sind für Schirachs Protagonisten zwei große Themen. Und somit sind wir bei seinem Roman Tabu:

 

Sebastian von Eschburg ist Synästhetiker und ein namenhafter Künstler. Mit seinen Fotografien und Videoinstallationen zeigt er, dass Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind. Er wächst in einem distanzierten Elternhaus auf und während seiner ersten Ferien vom Internat wird er Zeuge, wie sein Vater Suizid begeht. Eschburg wird im späteren Verlauf festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, eine junge Frau getötet zu haben.

Die Staatsanwältin Monika Lindau nimmt die Ermittlungen auf. Alles an diesem Fall erscheint merkwürdig. Zudem wird Landau zur Zeugin, wie der vernehmende Polizist unter Androhung von Folter dem Verdächtigen ein Geständnis entlockt. Sie macht einen entsprechenden Aktenvermerk.

Der Strafverteidiger Konrad Biegler übernimmt u.a. aufgrund Landaus Aktenvermerk die Verteidigung von Eschburg. Biegler begibt sich in Eschburgs Welt. Puzzleteile fügen sich zusammen... Es dauert lange, ehe alle Zuschauer den Gerichtssaal verlassen haben.

 

Getreu der dem Buch vorangestellten Farbenlehre nach Helmholtz, die besagt, dass Grün, Rot und Blau uns als Weiß erscheint, sobald sich das Licht der Farbe in gleicher Weise mischt, ist dieser Roman in eben diese Farben eingeteilt. Im letzten Teil, dem "Weiß", raucht Eschburg eine Zigarette.

Dieses Buch ist wie eine Wand. Na ja, eigentlich ist es vielmehr so, als würde man dieses Buch vor einer Wand lesen. Man kann nicht drüber hinweg sehen, auch nicht links oder rechts daran vorbei. Hinter den Buchstaben befinden sich nur die Steine und der Mörtel. Mehr braucht es auch nicht.

Dieser Roman ist... anders. Und genau das ist es, was ihn so streitbar macht: mit wenigen, klaren und nüchternen Sätzen stellt der Autor eine große, weitreichende Inszenierung dar. Die einen loben Schirach in den Himmel, die anderen sagen, er könne gar nicht schreiben. Der Autor benutzt kein Wort zuviel, jede weitere Information würde sich als überflüssig erweisen. Das macht diesen Roman aus. Tabu beinhaltet nur die nötigsten Sätze.

Für mich einer der großartigsten Absätze:

Vor der Terrasse mähte ein Bauer die Wiese. Der Traktor war schön, aber sein Auspuff war defekt. Biegler glaubte, dass auch der Bauer defekt war - er mähte jeden Tag dasselbe Stück Wiese. Er probierte die Sache mit dem positiven Denken und grüßte den Bauern höflich. Der Bauer starrte ihn an. Biegler nickte zufrieden.

S. 152

Ich weiß nicht, ob man diesen Absatz nicht sogar schon als "mit großzügig vielen Worten ausgeschmückt" bezeichnen könnte? Egal wie: ich mochte dieses Buch gerne lesen und empfand die "Andersartigkeit" durchaus mal erleichternd. Wobei ich auch sagen muss, dass es mir zuviel wäre, direkt im Anschluss ein weiteres Buch zu lesen, welches in diesem minimalistischen Stil geschrieben ist.

Ferdinand von Schirach machte schon mehrfach von sich Reden. Er ist ein auf Strafrecht spezialisierter Rechtsanwalt und begann "erst" im Alter von 45 Jahren, Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Seine Romane Der Fall Collini und Tabu wurden zu internationalen Bestsellern und Schirach wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. 1964 in München geboren, lebt er heute in Berlin.

Tabu von Ferdinand von Schirach, als Taschenbuch erschienen im März 2015 beim Piper Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-492-30520-4

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