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[Buch] Goldfisch

Veröffentlicht von TiRo auf 16. Mai 2015, 13:10pm

Kategorien: #Bücher

[Buch] Goldfisch

In meiner Heimatstadt habe ich mich früher gerne ans Museum beim Bahnhof gesetzt und die Menschen beobachtet. Während sie so ihres Weges gingen, habe ich mich gefragt, wo genau sie wohl hingehen würden und was sie eigentlich für ein Leben führen. Ich bin der Frage nie nachgegangen und sie hat sich im Laufe der Zeit verloren... 

Und dann kommt der Autor Bradley Somer daher und knüpft mit seinem Roman Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel genau dort an. Das Buch liest sich erfrischend unterhaltsam und leicht; dabei ist es nicht zu kitschig, sondern eher so, dass ich mir mehr gewünscht hätte und es schade fand, als ich die letzten Seiten umschlug und die Geschichte zu Ende war.

 

Der Goldfisch Ian springt mit einem beherzten Flossenschlag über den Rand seines Glases, welches auf dem Balkon steht. Langeweile ist was für Schnecken - Goldfische sind Abenteurer! Und während Ian sich nun im Fall befindet und sein Fischhirn mit der Geschwindigkeit kaum mitkommt, kann er durch die Fenster des Wohnblocks schauen und bekommt kleine, sekundenschnelle Momentaufnahmen aus dem Leben der anderen Bewohner zu sehen. Die Einblicke, die der Leser bekommt, sind etwas länger und intensiver.

Der Leser begleitet einige der Bewohner des Seville on Roxy - so der Name des Hochhauses - für einen Augenblick. Gerade lange genug, um mehr oder weniger intensive Momente mitzubekommen. Aber dennoch kurz genug, um zu wissen, dass ihr Leben noch viel mehr beinhaltet. Es wird weitergehen, während der Leser längst wieder verschwunden ist. 

Dabei hat jeder Bewohner dieses anonymen Wohnblocks seine eigene Geschichte, ohne zu wissen, was sie eigentlich - und vor allem wie viel - sie miteinander verbindet, dass sie ein Teil des Ganzen sind. Manche begegnen sich, lernen sich kennen, andere bekommen nichts davon mit und verflechten sich wiederum mit der Geschichte des Dritten .

Das ist wie ein Mosaik: während Ian  - der mit seinem Fall die Erdanziehungskraft bestätigt - den Rahmen vorgibt, entstehen innerhalb des Rahmens viele kleine Bilder aus Teilausschnitten. Sie berühren und verweben sich, bis sie selbst ein Bild ergeben. Das Gesamtwerk ließe sich gut im Foyer des Seville on Roxy aufhängen. 

Kein einziger Mensch lebt sein Leben allein; wir alle leben unsere Leben gemeinsam.

Bradley Somer

Manchmal könnte der Eindruck entstehen, dass es ein wenig zuviel an Drama des Einzelnen ist. Ich für meinen Teil fand die Geschichte - genau so wie sie ist - gut.

  • Die unter Agora- und Mysophobie leidende Claire, welche ihren Job bei der Sexhotline verlor, wieder auf "Schweinchen" trifft und allen Umständen zum Trotz ihre Quiche fertig macht.
  • Die schwangere Petunia, die jetzt irgendwie zusehen muss, dass sie ihr Kind gebährt und dabei wollte sie doch eigentlich gerne ein Sandwich-Eis essen. 
  • Der Junge Hermann, der ständig aus Zeit und Raum fällt und dazu seine eigene Theorie entwickelt, bevor er sich mitten in einer Situation wiederfindet, aus der er jetzt nicht verschwinden darf.
  • Jimenez, der im Hintergrund das Gebäude am Laufen hält, gerade noch einen selbst verursachten Fahrstuhlbrand stoppen kann und auf einen Mann in einem wunderschönen kaminroten Kleid trifft.
  • Gath, der all seinen Mut zusammen nimmt und bei dem sich das Glück wie ein Schluck heisse Schokolade im Bauch ausbreitet.
  • Katie, die eine wichtige Mission ansteuert, während Conner zu spät bemerkt, dass es Liebe ist.
  • Nicht zu vergessen: die verruchte Verführerin Faye, die noch schnell ihren String aus der Luft greifen kann, ehe sie ein Leben rettet.
  • Und immer wieder mittendrin: unser Ian, der sich wiederholend die Frage stellt, was er eigentlich gerade gemacht hat.

 

Mir hat es viel Spaß gemacht, diesen Roman zu lesen und ich fand es durchaus gelungen, wie der Autor den Perspektivenwechsel eingebaut hat, um jedem Bewohner sein eigenes Fenster zu geben und trotzdem zu einem Ganzen werden zu lassen. Kurzweilig und gut!

 

Bradley Somer wurde ich Australien geboren, wuchs in Kanada auf und lebt derzeit in Calgery. Er studierte Anthropologie und Archäologie. Er schrieb diverse Kurzgeschichten und sein Debütroman "Imperfections" wurde mit dem kanadischen CBC Book Award ausgezeichnet.

 

Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel von Bradley Somer, erschienen 2015 im DuMont Buchverlag, 320 Seiten, ISBN: 978-3-8321-9783-4 

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